Anonyme Briefe enthalten mehr unbeabsichtigte Hinweise auf ihre Autoren,
als allgemein angenommen

… denn ihre Sprache wird sie verraten. Anonyme Anschuldigungen, Beleidigungen, Bedrohungen oder Erpressungen liefern die sprachlichen Visitenkarten ihrer Autoren gleich mit. Sprachdetektiv.de …
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Stand: 21.01.2014

Anonyme Angriffe vor allem durch Innentäter

WIK - Zeitschrift für die Sicherheit der Wirtschaft (30/11/2001)



Ob klassisches Mobbing oder Erpressung - über Angriffe in Wort und Schrift spricht kein Unternehmen gerne. Der Linguistenverband Deutschland (LVD), der seit den achtziger Jahren insbesondere bei schwerwiegenden anonymen Angriffen hinzugezogen wird, hat jetzt erstmals seine Fälle ausgewertet.

Von Raimund H. Drommel




Die rund 1700 dokumentierten Fälle können zwar keine Repräsentativität beanspruchen aber gleichwohl interessante Tendenzen aufzeigen. So herrscht unter den mit der Thematik befassten Experten Einigkeit bezüglich der Häufigkeitsverteilung der verschiedenen Arten von anonymen Angriffe in Wort und Schrift. Die Rangfolge der Delikttypen in der LVD-Statistik:

  1. Klassisches "Business-Mobbing" (ABM) mit zumindest indirektem Schaden für Unternehmen
  2. Interne Beleidigung/üble Nachrede/Verleumdung (§§ 185ff StGB)
  3. falsche Anschuldigung (§ 164 StGB)
  4. Bedrohung (auch nach § 241 StGB)
  5. öffentliche Verleumdung/Bedrohung
  6. Erpressung (§ 253 StGB)
  7. Verrat von Betriebsgeheimnissen (§ 120 Betriebsverfassungsge -setz)
  8. Werks- und Wirtschaftsspionage: Auskundschaften und/oder Weitergabe von (vertraulichen) Informationen, Betriebs- und Geschäftsvorgängen (§ 17 Gesetz gegen den unlauteren Wettbewerb)

Während die Anzahl an Fällen von "Beleidigung/Verleumdung/Bedrohung" seit Beginn der achtziger Jahre nahezu gleich blieb, wies der bei weitem häufigste Angriffstyp, der des "anonymen Business-Mobbing", besonders in der zweiten Hälfte der 80er Jahre eine deutliche Steigerung auf. Die Fälle öffentlicher Verleumdung/Bedrohung haben sich in den 90er Jahren verdoppelt. Deutlich zugenommen haben in der zweiten Dekade auch die Erpressungsfälle.

Der Analyse der Berater erschließen sich dabei vor allem die sechs häufigsten Delikttypen. Im Gegensatz zu Geheimnisverrat und Spionage hinterlassen sie durch Ton- und Schriftdokumente auswertbares Material.

Deliktanalyse

Die Übergänge zwischen ABM, Verleumdung, Bedrohung, Erpressung sind fließend. Aber alle diese Tatbestände haben folgende Gemeinsamkeiten:

  • es wird aus dem Schutz der Anonymität heraus operiert.
  • die anonymen Aktivitäten erfolgen zum Nachteil des Unternehmens.
  • die Akteure bedienen sich der Sprache als Tatwerkzeug Beim Delikttyp "öffentliche Verleumdung/Bedrohung" sind die

Täter mit auffallender Häufigkeit im Bereich der "Innentäter" (Mitarbeiter) zu suchen. Angriffe erfolgen häufig nach einem Karriereknick. "Ehemalige" und "Externe" sind im Vergleich dazu eher selten als Täter ausgemacht worden. Insgesamt schätzt der Verband die Zahl dieser Delikte derzeit auf jährlich 2000 bis 2500.

Auch bei den aktuellen "Trittbrettfahrern" handelt es sich, soweit sie Unternehmen angreifen, nach bisherigen LVD -Erkenntnissen keinesfalls um eine neue Species, sondern lediglich um die üblichen, vorwiegend internen Täter, die sich durch unsere Sicherheitslage zu "Streichen" oder zu lang geplanten Racheakten animiert fühlen.

Auch beim Delikttyp "Erpressung" überwiegen deutlich die internen Täter. Die Fälle haben sich bis zum Ende der 90er Jahre verfünffacht. Während in den Achtzigern der zweithäufigste Tätertyp der "Außentäter" war, nahmen 1990-94 Erpressungen durch ehemalige Mitarbeiter deutlich zu. Ein Sonderfall ist wohl die Produkterpressung: Bei den auswertbaren Fällen waren die Täter ausschließlich Externe. In der Lebensmittel-, Getränke- und Genussmittelindustrie und im Handel ist Erpressung nach wie vor häufig. Bei den großen Ladenketten gingen von 1995 bis 1999 jährlich geschätzt 140 bis 160 Erpressungsschreiben ein. Allerdings erscheinen die neuesten Zahlen leicht rückläufig.

Beim klassischen "Anonymen Business-Mobbing" (ABM) enthalten die anonymen Angriffe in Wort und Schrift auf einzelne Mitarbeiter im wesentlichen:

  • Drohungen (zum Beispiel Androhung körperlicher Gewalt)
  • Beleidigungen (zum Beispiel mit obszönen Schimpfworten)
  • Lächerlichmachungen (zum Beispiel durch Witze unterhalb der Gürtellinie oder durch Thematisierung aller nur denkbaren vorhandenen oder vermeintlichen Schwächen)
  • Kritik von Arbeitsleistung und/oder Privatleben

Für diesen Delikttyp hat der LVD im Bereich der Innentäter auch die Verteilung zwischen den Geschlechtern erhoben und herausgefunden, dass im gesamten Untersuchungszeitraum der Anteil an weiblichen Mobbern im Unternehmen mit geringen Schwankungen im Schnitt um ca. 10% höher lag als der an männlichen. Auch bei der internen Beleidigung / Verleumdung / Bedrohung überwogen die weiblichen Täter. Die Gesamtzahl der ABM-Angriffe für die letzte halbe Dekade (95-99) schätzt der LVD auf das Zwanzigfache, mithin auf bundesweit deutlich über 5.000 (also mindestens 1000 Fälle pro Jahr).

Angriffe nach Branchen

Dass das obige Beispiel (Kasten) aus dem Finanzbereich stammt, ist kein Zufall: Die Branche ist eindeutig Spitzenreiter bei der Zahl der "Angriffe aufs Unternehmen in Wort und Schrift". Der Trend ist eindeutig: Die Angriffe nehmen zu und das Ranking unter den Branchen bleibt weitgehend gleich. Gefolgt werden die Finanzdienstleister von der Pharmaindustrie, dem Maschinen -und Gerätebau und der Automobil-Branche. Die Lebensmittelbranche hat seit 1995 etwas "aufgeholt".

Risiko Mitarbeiter

Wer sind nun die häufigsten Angreifer auf Unternehmen? Auch hier ist unser Beispiel aufschlussreich: Meist sind es "Innentäter", aktuelle Mitarbeiter. Sie sind im gesamten Untersuchungszeitraum mit großem Abstand die Spitzenreiter. Es folgen weit abgeschlagen die "Ehemaligen", wobei hier derzeit ein leichter Rückgang zu verzeichnen ist. Externe Angriffe auf Unternehmen sind eher selten: 1995-99 viermal weniger als Innentäterangriffe.

 




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