Anonyme Briefe enthalten mehr unbeabsichtigte Hinweise auf ihre Autoren,
als allgemein angenommen

Anonymschreiben – Sprachprofiling und vergleichende Autorschaftsbestimmung. Neue Aspekte der Zusammenarbeit zwischen Detektiven und Gutachtern
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Stand: 21.01.2014

Anonymschreiben – Sprachprofiling und vergleichende Autorschaftsbestimmung

Detektiv-Kurier 02/2001



Von Raimund H. Drommel

Download: Anonymschreiben.pdf



Neue Aspekte der Zusammenarbeit zwischen Detektiven und Gutachtern



Einerseits werden Detektive immer mehr zu Allroundern, andererseits müssen sie in ihrer Arbeit immer öfter den Rat und die Hilfe von spezialisierten Experten und Gutachtern einholen. Bisweilen haben Detektive es auch mit anonymen Tatschreiben zu tun, ohne sofort urheberschaftsverdächtige Personen ermitteln und Vergleichmaterialien von diesen beschaffen zu können. Kein Grund zur Resignation. Denn auch das (reine) Sprachprofiling liefert Erkenntnisse, die noch weithin unbekannt sind (siehe Aufsatz „Bewerber- und Mitarbeitercheck“ in Detektiv-Kurier Heft 1/2001). Wie in den nachfolgend skizzierten Beispielfällen können die entsprechenden von Sprachprofilern erstellten Urheberprofile sogar zu einer gezielteren Ermittlung und letztendlich – durch Sprachvergleich – zu einer Identifikation des Täters führen.


Etwa 120 Erpressungsversuche mit der Drohung Lebensmittel zu vergiften, gehen Jahr für Jahr bei deutschen Nahrungsmittelherstellern ein. Deutschland liegt damit international an der Spitze. Überwiegend betroffen sind große Konzerne. Von der Welle der Erpressungen und Drohungen sind Hersteller von Lebensmitteln, Getränken, Pharmazeutika und Kosmetika betroffen. Coca-Cola Deutschland, die Getränkefirmen „Eckes“ und „Underberg“, der Babykosthersteller Alete sowie Maggi und die Penny-Märkte als auch Thomy von Nestlé gehören zu den bekanntesten Adressaten von spektakulären und in der Öffentlichkeit bekannt gewordenen Erpressungs- und Drohversuchen. Nicht nur Konzerne sondern auch mittelständische Unternehmen der Lebensmittel- und verarbeitenden Industrie sind Zielscheibe derartiger Straftaten.

In den letzten Jahren wurden zunehmend Fälle von schwerer Erpressung mit weitreichenden Folgen für die betroffenen Unternehmen und Konsumenten bekannt. Laut Statistik ist seit 1984 die Anzahl an bekannt gewordenen Produktverunreinigungen und folgenden Erpressungen um mehr als 500 % gestiegen. Die Bundesrepublik Deutschland nimmt dabei mit jährlich ca. 120 Fällen an Produkterpressung weltweit einen führenden Stellenplatz ein. (siehe Textkasten: Spektakuläre Fälle von Produkterpressung)

In diesem Einsatzbereich für Detektive bietet sich mit dem Sprachvergleich, genauer gesagt: der vergleichenden Autorschaftsbestimmung ein Feld, auf dem Detektive mit Gutachtern zusammenarbeiten können. Es zeigt sich zunehmend, dass eine fundierte sprachwissenschaftliche Analyse zwar eine notwendige, aber keinesfalls hinreichende Bedingung für den kriminalistischen und rechtlichen Erfolg zum Wohle unserer Auftraggeber, Klienten und Mandanten ist. Und selbst diese Analyse kann nur dann erfolgreich durchgeführt werden, wenn die Detektive Ausgangsmaterialien liefern, die den Anforderungen für wissenschaftliche Analysen entsprechen.

Ganz entscheidend aber ist das gesamte Krisen-Management, sind die gewählten Strategien in dem „Berater-Dreieck“ Detektiv – Sachverständiger – Jurist. Und schon sind wir bei einem weiteren Problempunkt und bei der Frage nach einem Königsweg: Wie weit darf der Detektiv den Gutachter unterstützen, ohne dass dessen Objektivität/Neutralität (eventuell später von einem cleveren Strafverteidiger) in Frage gestellt werden kann?



Sprachprofiling: Neue Zugriffsweisen auf den Täter



Im Gegensatz zur Text-/Sprachanalyse liefert ein Täterprofil keine spezifische Täteridentität. Allerdings können einem derartigen Profiling entscheidende Erkenntnisse entnommen werden, die näher beschreiben, welche Art von Person die Tat begangen haben könnte.

Bei Anonymschreiben ohne Vergleichsmaterial (klassische Ermittlungssituation I: Sprachprofiling) gelangen wir hingegen zu durchaus beachtlichen Ergebnissen.

Die Kriminalpolizei und auch der Polizeipsychologe hielten beispielsweise den Autor einer anonymen Anzeige aufgrund seiner spezifischen Handhabung der deutschen Sprache für einen Türken. Das Sprachprofiling indessen ergab ein völlig anderes Bild: Geistig-sprachlicher Urheber des Anonymschreibens war jemand, der sich offenbar den Kabarettisten Helmut F. Albrecht, alias Ali („Chefe ...“) aus Anatolien, zum Vorbild genommen hatte. Der Schreiber hatte kabarettistisch überzogen. So schreibt kein echter Türke!

Was also unterscheidet Sprachprofiling von dem klassischen oder auch von dem aktuellen (psychologischen) Profiling?

Sprachprofiling hat seine Wurzeln zunächst in der Philologie (Individualstilistik), vor allem aber in der modernen Sprachwissenschaft und in deren Teildisziplinen, besonders der Textlinguistik. Es wird davon ausgegangen, dass jeder Mensch seinen individuellen sprachlichen Code und seine individuelle kommunikative Programmierung hat. Unser Individualprogramm bewirkt, dass wir uns in gleichen Sprachsituationen gleich verhalten, also die gleichen für uns typischen sprachlichen Merkmale produzieren. Den empirischen Hintergrund für die sprachlichen Merkmale bilden diverse Datenbanken. Die sprachwissenschaftlichen Kategorien werden mit bewährten psychologischen Kategorien ergänzt.

Es leuchtet ein, dass Sprachprofiling, der Zugriff über die Sprache also, in vielem genauer ist als Profiling ohne sprachwissenschaftlichen Hintergrund. Geschlechtsspezifischer Sprachgebrauch ist z.B. nur über eine linguistische Textanalyse in Verbindung mit Sprachdatenbanken zufriedenstellend zur Geschlechtsbestimmung zu erkennen, das Alter des Autors nur unter Berücksichtigung der Entwicklung des Deutschen in den letzten 50 Jahren; die Muttersprache des Anonymus’ ermitteln wir allein durch eine Konsistenzprüfung des Textes unter Beiziehung entsprechender Teildisziplinen (wie der Fremdsprachenlinguistik, der kontrastiven Linguistik oder der Fehlerlinguistik), seinen Beruf nur mit Hilfe der Fachsprachenlinguistik.

Damit soll nun das nicht-linguistische Profiling mit all seinen Facetten in keiner Weise abgewertet werden. Ganz im Gegenteil. Beide Zugriffsweisen können einander hervorragend ergänzen. Und dem Ermittler wird recht sein, was zum Erfolg führt.



Autorschaftsbestimmung durch Textvergleich: Beweisverwertung aus linguistischer Sicht



anonymer Brief

Oft gibt es nur eine einzige Zugriffsmöglichkeit zu den erforderlichen Vergleichstexten, die von den Tätern sodann schnellstmöglich beseitigt oder vernichtet werden. Daher ist es ganz entscheidend, dass Detektive ihren Blick für beweisrelevantes Vergleichsschriftgut schärfen, um dem Sachverständigen neben den Anknüpfungstatsachen eine zureichende Grundlage für die Beweissicherung zu bieten

Zunächst einmal benötigt der Gutachter Vergleichstexte, welche die verdächtigen Personen eindeutig selbst sprachlich verfasst haben (Eindeutigkeitskriterium).

Diese Vergleichstexte sollten der gleichen oder zumindest einer ähnlichen Textsorte angehören wie die inkriminierten Textproduktionen (Textsortenkriterium); am besten vergleicht man Brief mit Brief, Konzept mit Konzept usw. Es ist grundsätzlich nicht zulässig, z. B. gesprochene Sprache mit geschriebener Sprache oder Betriebsfest-Lyrik mit Prosa zu vergleichen, auch wenn es bei manchen Verfassern gelegentlich einige Merkmale gibt, die sich (textsortenunabhängig) in ihren verschiedensten Sprachproduktionen wiederfinden.

Da sich der Sprachstil eines Menschen im Laufe der Zeit verändert, sollten die Vergleichstexte möglichst zeitnah zu den inkriminierten, firmenschädigenden Textproduktionen sein (Zeitnähekriterium).

Von dem so definierten Vergleichsschriftgut, also von all jenen Texten verdächtiger Mitarbeiter(innen), die dem Eindeutigkeitskriterium, dem Textsortenkriterium und dem Zeitnähekriterium genügen, wird sodann eine möglichst große Menge benötigt (Quantitätskriterium).

Liegen genügend Vergleichstexte dieser Art vor, dann kann unter Umständen, d.h. vorbehaltlich juristischer Einschränkungen, z.B. in Fällen von Anonymen Business Mobbing (ABM), sogar auf die Kooperation mit verdächtigen Mitarbeitern verzichtet werden. Nahezu optimale Analysebedingungen ergeben sich daher bei einem möglichst umfangreichen urhebereindeutigen Vergleichsschriftgut in Form sehr gut lesbarer Ablichtungen sortengleicher Texte mit möglichst geringem zeitlichen Abstand zueinander und zu dem/den Tatschreiben.

 




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