Anonyme Briefe enthalten mehr unbeabsichtigte Hinweise auf ihre Autoren,
als allgemein angenommen

über die Zusammenarbeit zwischen Detektiv und Krisenberater/Sachverständigen, und die Wahl des Sachverständigen und die Kontaktaufnahme zum Gutachter
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Stand: 21.01.2014

Anonymschreiben – Sprachprofiling und vergleichende Autorschaftsbestimmung

Detektiv-Kurier 02/2001



Von Raimund H. Drommel

Download: Anonymschreiben.pdf



Zusammenarbeit zwischen Detektiv und Krisenberater/Sachverständigen



  1. Wahl des Sachverständigen – KONTAKTAUFNAHME zum GUTACHTER

Die häufigsten Einwände gegen die Wahl von Sachverständigen betreffen deren Befangenheit und/oder mangelnde Sachkunde. So könnte ein Sachverständiger, der bereits mehrfach für eine Detektei oder Anwaltskanzlei gearbeitet hat, möglicherweise in den Verdacht eines „Hausgutachters“ oder „Gefälligkeitsgutachters“ geraten. Deshalb sollte möglichen späteren Befangenheitsvorwürfen von vorneherein keine Grundlage gegeben werden.

Vorschlag: Kontaktaufnahme zum Linguistenverband Deutschlands e.V. (LVD, c/o Udo Löhr, Schriftführer, Kreuzstr. 49, 40210 Düsseldorf, eMail: linguistenverband@arcor.de) zur Benennung von Text-Sachverständigen. Dann Kontaktaufnahme zu einem Sachverständigen, der in der Lage und bereit ist, die Analysen durchzuführen. Sorgfältige Dokumentation dieser Vorgänge mit Datierung.

  1. Gemeinsame erfolgreiche TAKTIK/STRATEGIE und Unbefangenheit des Gutachters – geht das überhaupt?

Jeder fachlich versierte Detektiv wird (a) stets einen Spezialisten konsultieren und (b) im frühestmöglichen Ermittlungsstadium dessen Erfahrungen nutzen und dessen Hinweise bei der Fallbearbeitung in die Ermittlungstaktik mit einfließen lassen. Das gilt auch dann, wenn nur Tatschreiben als Basis für das Sprachprofiling zugänglich und verdächtige Personen noch nicht greifbar sind.

Es empfiehlt sich aus rechtlicher Sicht keine fachlich durchaus mögliche Personalunion des Spezialisten, sondern eine klare offizielle Trennung der Experten und deren Aufgaben: Der Berater berät, der Gutachter gutachtet. Sowohl der LVD als auch spezialisierte Risk-Management-Unternehmen haben erfahrene ABM-Experten. Der Sachverständige sollte hingegen einzig seiner gutachterlichen Aufgabe nachgehen.

In diesem Zusammenhang stellt sich allerdings auch die Frage nach der zulässigen „Hand in Hand“-Arbeit zwischen Detektiv und Gutachter. Was sollte der Detektiv noch an hilfreichen Detail- und Nebeninformationen erarbeiten und dem Sachverständigen zur Verfügung stellen? Grundsätzlich alles, was qualitativ und quantitativ die sog. Anknüpfungstatsachen ausmacht oder mit diesen zusammenhängt. Dazu gehören berufliche Werdegänge, Arbeitskonflikte in der Vergangenheit, familiäre und private Verhältnisse, soweit rechtlich zugänglich (siehe Privatsphäre).

  1. ZIELSETZUNG: Was genau soll erreicht werden?

Die exakte und klar definierte Zielsetzung bestimmt der Klient/Mandant in Interaktion mit Detektiv, Spezialist und ggf. Rechtsanwalt.

  1. Autorschaftsprüfung: PROCEDERE

Soweit erkennbar, entwickelt sich diese Angelegenheit auf der arbeitsund auf der strafrechtlichen Ebene. Deshalb sollten sämtliche Maßnahmen der Beweissicherung sowohl arbeits- als auch strafrechtlich gerichtssicher sein, d.h. zufriedenstellende Optionen auch bei unvorhersehbaren Entwicklungen bieten.

Jeder Fehler im Frühstadium ist nachträglich nicht mehr korrigierbar; dabei ist es oft fast gleichgültig, ob eine verdächtige Person tatsächlich Urheber(in) eines Anonymschreibens ist oder nicht.

Häufiger Standardvorwurf: A-priori-Beweisführung: „Ihr habt Euch diesen unbequemen Mitarbeiter „ausgeguckt“ und alles gesammelt, was ihn belasten könnte.“ Unterstellte Verstöße gegen Fürsorge- und Sorgfaltspflicht. Für Detektive besonders wichtig: In dieser Ermittlungsphase ist der Begriff „Zielperson“ absolut kontraproduktiv und offiziell aus dem Sprachgebrauch herauszulassen.

Daher wird folgende Vorgehensweise empfohlen:

  1. Sprachprofiling des anonymen Urhebers (einer oder mehre?)
  2. Verdächtigenkreis um einen möglichen Verdächtigen herum konstruieren. Verdächtige A, B, C... Auch Ermittlung eines möglichen „Firmenjargons“ als Analyse-Hintergrund.
  3. Adäquate Textbasis für die Textvergleiche gemäß Gütekriterien für Vergleichsschriftgut.
  4. Entlastungsprozeduren durchführen (Prinzip der negativen Rasterfahndung): Schritt für Schritt, Verdächtige aus dem Verdächtigenkreis aussondern. Durch gezielte Suche nach inkompatiblen sprachlichen Merkmalen („Minus-Merkmalen“) des Anonymus-Individualstils mit dem Individualstil des jeweiligen Verdächtigen. Mögliches Ergebnis: Einer und nur einer kann nicht entlastet werden. Erst jetzt: Umkehrung der Vorgehensweise: Herausarbeiten von „Plus-Merkmalen“. Begriff „Zielperson“ nunmehr verwendbar.
  5. Vergleichende Textanalyse mit Erarbeitung der Wahrscheinlichkeit (auf der herkömmlichen Fünfer-Skala), mit welcher der Verdächtige der Urheber der anonymen Tatschreiben ist.
  1. WEITERE SCHRITTE gemäß der Zielsetzung (s.o.)

Das vorzulegende Privatgutachten u.U. bereits der schriftliche Befund, kann als Grundlage dienen und ist eine gute Basis für

  • eine außergerichtliche Einigung, etwa unter Abwägung arbeits- und strafrechtlicher Tatbestände
  • eine Verdachtskündigung, sofern formgerecht durchgeführt
  • eine Anzeige bei der Staatsanwaltschaft
  1. Beiziehung WEITERER GUTACHTER: Gegen- oder Obergutachten

Je nach der weiteren Entwicklung und Sachlage mag die Gegenseite sich, etwa über ein Arbeitsgericht, um ein weiteres Gutachten bemühen. Oder aber das Gericht bestellt eine/n Sachverständige/n.





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