Anonyme Briefe enthalten mehr unbeabsichtigte Hinweise auf ihre Autoren,
als allgemein angenommen

Lügendetektion aus rechtlicher Sicht, anonyme Täter in Unternehmen
Leistungen
Publikationen
 
Stand: 21.01.2014

Lügendetektion, Bewerber und Mitarbeiter-Check

(Detektiv-Kurier 01/2001)



Von Raimund H. Drommel
Institut für Angewandte Kommunikationswissenschaften

Download: Bewerbercheck.pdf



Lügendetektion aus rechtlicher Sicht



„Beweisverwertung und Persönlichkeitsrechte”

Nicht erst seit der Diskussion um die Stasi-Unterlagen zu Helmut Kohl ist die grundsätzliche Frage der Verwertbarkeit von Beweismitteln aus Wort oder Schrift immer wieder aktuell. Bereits als der Autor Hermann J. Künzel 1983 sein schönes Buch zur Sprecherkennung veröffentlichte, erntete er nicht nur Lob von den Medien. Ein kritisches Magazin feuerte eine Breitseite vor allem auf Künzels Chef, den damaligen BKA-Präsidenten Boge ab, der das Vorwort zu dem Buch verfasst hatte. Anlass war eine nicht ganz rechtskonforme Passage zur Beschaffung von Vergleichs-Stimmproben. Die einschlägigen rechtlichen Aspekte erörtern und kommentieren übrigens W. Reitz und Jürgen Vahle: “Mithören und Aufzeichnen von (Telefon-)Gesprächen1”.

Es besteht keine Verpflichtung eines Mitarbeiters zur aktiven Mitwirkung seiner Überführung. Grundsätzlich sollte kein verdächtiger Mitarbeiter gezwungen werden, an der Aufklärung eines ABM-Falles aktiv mitzuwirken. Unternehmen, die sich an diesen Grundsatz halten, befinden sich bei strafrechtlich relevanten Verstößen auch im Einklang mit der Strafprozessordnung.

Beweisverwertbare Texte oder Sprechproben sind somit solche, die

  1. dem Unternehmen vom Verdächtigen in Verbindung mit dem Beginn seiner Anstellung oder im Zusammenhang mit seiner Mitarbeit überlassen wurden,
  2. vom Verdächtigen für das Unternehmen produziert wurden,
  3. dem Unternehmen nach Äußerung eines Tatverdachts und zur Entlastung, also etwa zur Aussonderung aus einem Verdächtigenkreis, vom Verdächtigen freiwillig zur Verfügung gestellt wurden.

Gelangt ein Unternehmen ohne Mitwirkung und Zustimmung eines Verdächtigen in den Besitz privater Texte oder Sprechaufnahmen (persönliche Briefe, Tagebuch- oder Tonträgeraufzeichnungen), so geraten wir in den Bereich der Abwägung. Nur bei auch strafrechtlich relevanten schweren Delikten wird dem Strafverfolgungsinteresse der Vorrang gegenüber dem Schutz von Persönlichkeit und Privatsphäre gegeben werden.

Durch Täuschung erlangte Vergleichstexte oder Vergleichssprechproben sind strafrechtlich unverwertbar nach § 136a StPO. Demnach sind solche unrechtmäßig erlangten Elaborate oder Stimmproben und die entsprechenden Beweisergebnisse der Analyseverfahren oder -programme ausdrücklich verboten, somit rechtlich auch nicht verwertbar. Wie gesagt, juristisch nicht verwertbar.

Grundsätzlich sollte die Unternehmensleitung einen verdächtigen oder beschuldigten Mitarbeiter über seine Rechte belehren und ihn auf keinen Fall, weder durch Täuschung, Drohung oder Zwang nötigen, an seiner Überführung mitzuwirken.



Schadensminimierung nach Täter-Identifikation



In unserer Wirtschaft herrscht das gern zitierte „St. Floriansprinzip“. Feuerwehrleute kennen den Heiligen Florian als ihren Schutzpatron. Das sogenannte Floriansprinzip ist sprichwörtlich, eine ursprünglich scherzhaft gemeinte, sinnwidrige Umkehrung der alten Anrufung des Heiligen: „Heiliger St. Florian, beschütz mein Haus, zünd andere an.“ Im übertragenen Sinne spricht man daher über das St. Floriansprinzip in der Wirtschaft. Hier ist gemeint, dass die Tätereliminierung im eigenen Unternehmen nur soweit geht, dass die potentielle Schädigung aufhört.

Als der Autor dieses Beitrags im Jahre 1988 vor den leitenden Sicherheits-Managern einer renommierten Kaufhauskette Ausführungen zur Produkterpressung und zu entsprechenden Präventionsmaßnahmen machte, gewann er schnell den Eindruck, dass man zum einen ja nicht betroffen sei und zum anderen auch nicht sonderlich traurig darüber war, dass es die Konkurrenz erwischt hatte. Erst recht war man nicht an einer „konzertierten Aktion“ aller (potentiell) betroffenen Unternehmen interessiert.

Im selben Jahr war der Verfasser bei der IHK Köln und sogar beim Industrie und Handelstag (Bonn) vorstellig. Thema: Anonymes Business-Mobbing. Die glorreiche Idee der IHKler: Wir starten eine Frageaktion bei unseren Firmen: Wer ist Opfer anonymen Mobbings. Der Rücklauf war gleich Null. Wenig später sahen wir auf den Tischen von Untenehmen, für die wir anonyme Brief analysierten, eben jene IHK-Hefte mit den unberührten Fragebögen.

Beispiel Wirtschaftsspionage. Einige Fälle wurden in den letzten Jahren nicht nur den Insidern, sondern auch einer breiteren Öffentlichkeit bekannt, nachdem diverse Medien über sie berichtet hatten. Kein einziges dieser Unternehmen, die ich hier nicht noch einmal nennen will, hat dies aber auf Anfrage bestätigt.

Insoweit kann ich nur vollends bestätigen, dass die Tätereliminierung im eigenen Unternehmen nur so weit geht, bis die tatsächliche oder potentielle Schädigung aufhört. Dies geschieht unter Durchsetzung rechtlicher Mittel des Arbeitsrechts (Entlassung), ohne dass die Verantwortung für das übernommen wird, was der Täter dann „draußen“ bzw. in einem anderen Unternehmen anrichten könnte.

Derartige Verhaltensweisen lassen sich wissenschaftlich allerdings nur schwer erklären. Zum einen fürchten unsere Unternehmen Imageschäden wie der Teufel das Weihwasser. Selbst wenn ein Mitarbeiter strafrechtlich zu belangen wäre, wird auf eine Strafanzeige verzichtet, um ein mögliche Öffentlichkeit, d.h. Medienpräsenz bei einem Strafverfahren oder Strafprozess, zu vermeiden. Ein anonymer Mobber, ein Maulwurf, ein Wirtschaftsspion bei einem Unternehmen? Um Himmels willen nicht an die Öffentlichkeit damit! Bei dieser Medienlandschaft. Genau dieses Denken ist aber auch eine Chance für Detektive mit guter Reputation als ertrauensvolle Partner von Unternehmen. Denn die Polizei wird oft nur ungern eingeschaltet, ist doch bei Straftatbeständen der Weg von der Polizei zum Staatsanwalt recht kurz.

Zum anderen haben die Führungskräfte im Sicherheitsmanagement häufig eine „Von-etwas-fort-Motivation“ (siehe oben, Kapitel NLProfile). Die Welt zu retten oder andere (Konkurrenz) Unternehmen vor Schaden zu bewahren, das kann nicht ihr Ziel sein. Dieses weit verbreitete „Ohne-mich-Verhalten“ hat mit Wirtschaftsethik wenig zu tun. Ich würde es aber auch nicht auf die Ebene des Wirtschaftskrieges hochstilisieren wollen.



Neutral-Stellung entlarvter Mitarbeiter



Rechtliche Gründe, etwa in Verbindung mit dem Arbeitsvertrag, oder auch gravierende arbeitsrechtliche Fehler nach Identifizierung des Täters können dessen Kündigung schon mal im Wege stehen. Die anderen Gründe sind allen Praktikern wohlvertraut: Mitarbeiter hat sich zu viel Know-how über die Firma angeeignet (Lopez-Syndrom), Mitarbeiter weiß „so oder so“ zuviel über die Firma. Und, und und. Also versetzen wir ihn an eine Stelle, wo er den wenigsten Schaden anrichten kann. Dort halten wir ihn – falls nötig – noch under controll, vielleicht nehmen wir ihn auch in Manndeckung.



Anonyme Briefe als Spurenträger und Beweismittel



Beweiserhebliche Schriftstücke mit unbekannter oder streitiger Urheberschaft zählen ebenfalls zum Repertoire der Detektivarbeit. Es wird bedroht, erpresst, verleumdet oder gefälscht. Dabei sagt die Sprache viel mehr über den zu ermittelnden Autor, als allgemein bekannt ist. Mit einem geschärften Blick auf all jene sprachlichen Merkmale, die Autoren als ihre ganz persönliche Visitenkarte „auf der Textstrecke“ ihrer Tatschreiben hinterlassen, kann durchaus ein entsprechendes detektivisches Sensorium entwickelt werden. Aufgrund dieser Erkenntnisse können Detektive dann gemeinsam mit ihren Klienten entscheiden, welche ermittlungstechnischen Schritte zu unternehmen sind und ob ggf. die Konsultierung eines Sprachsachverständigen sinnvoll ist. So operiert der moderne Detektiv zunehmend auch als „Sprachdetektiv“.





Startseite | Gutachten | Consulting
Wie alles anfing | Sprachwissenschaftliche Kriminalistik | Der Code des Bösen | Kachelmann-Syndrom | Cyberstalking | Kriminalität anonyme Angriffe | Anonymschreiben | Drohanrufe | Bewerbercheck | forensic linguistics
Partner Links | Kontakt