Anonyme Briefe enthalten mehr unbeabsichtigte Hinweise auf ihre Autoren,
als allgemein angenommen

Der Code des Bösen. Jeder Mensch bedient sich einer Sprache, die ihm so auf den Leib geschrieben ist, dass er daran fast genauso sicher zu ermitteln ist wie an den Rillen seiner Finger. Erstmals legt ein Sprachprofiler seine Methoden offen und zeigt, was ihre Sprache über die Täter verrät.
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Stand: 21.01.2014

„Cyberstalking“: Pfusch am Bau

Bonus-Kapitel zum Buch "Der Code des Bösen"
(exklusiv auf diesen Webseiten)


Mitte 2010 bekam ich den folgenden Fall auf den Tisch. Fritz Kling, ein Bauunternehmer aus dem Rhein-Main-Gebiet, hatte seinen Zwei-Mann-Betrieb für Ausbesserungsarbeiten zu einer Firmengröße ausgebaut, mit der er ganze Gewerke von Großaufträgen übernehmen konnte. Doch je größer die Aufträge wurden, umso mangelhafter fiel die Qualität aus, die er mit seiner ständig wechselnden Mannschaft ablieferte. Die Mängelrügen häuften sich.

Wegen zahlreicher Schadensersatzforderungen kam es wiederholt zu gerichtlichen Auseinandersetzungen. Im Laufe der Zeit konnte Kling die verfügten Zahlungen nicht mehr leisten, weil infolge des ruinierten Rufs die Aufträge ausblieben. Kling musste mit seinem Betrieb Insolvenz anmelden und kurzfristig alle seine Angestellten und Mitarbeiter entlassen.

Nur einen nicht. Den machte Kling kurzerhand zum Kompagnon und meldete unter dessen Namen ein neues Unternehmen an: ISO-Bau. Das klang vertrauenerweckend, schien es doch, als würden die Aufträge nach den Richtlinien der ISO-Norm erfüllt werden.

Wenige Wochen nach der Neugründung von ISO-Bau tauchte eine Website im Internet auf, die all die kleinen Betrügereien und auch einige großen Schwindelgeschäfte von Fritz Kling aufdeckte. Der Verfasser warnte ausdrücklich davor, Aufträge an die ISO-Bau zu vergeben.

Fritz Kling schäumte vor Wut!

Er setzte sich mit mir in Verbindung und beauftragte mich, den Urheber dieser Beschuldigungen zu identifizieren. Trotz eines schlechten Bauchgefühls nahm ich den Auftrag für dieses Gutachten an. Kling hatte auch schon einen Verdacht, wer dahinter stecken könnte: Herbert M. Rechler, ein Statiker, der bei Kling in der Vergangenheit gelegentlich als Bauleiter fungiert hatte. „Ein notorischer Querulant und Nichtskönner! Wenn ich so gebaut hätte, wie der das berechnet hatte, dann wäre mehr als einmal alles zusammengefallen, sobald wir das Gerüst abmontiert hätten!“ So beschrieb Unternehmer Kling den Mann. Mit Rechler hatte es bei der Auflösung von Klings vorheriger Firma heftige Auseinandersetzungen gegeben, weil Kling dem Statiker noch eine Restzahlung im fünfstelligen Eurobereich schuldete.

Also begann ich zu recherchieren. Die Seite, auf der die Beschuldigungen veröffentlicht wurden, hieß derbaufuchs.de*. Der Provider der Seite hatte seinen Sitz in der Türkei, die IP-Adresse desjenigen, der die Texte eingestellt hatte, war unbekannt. Auf diesem Weg kam ich also nicht weiter. Es blieb die Analyse der Texte.

Beinahe täglich wurden neue Anschuldigungen auf derbaufuchs.de* eingestellt. Diese konnte ich einfach kopieren und in meine Software einspeisen. So ersparte ich mir das mühselige Abtippen. Zum Vergleich brauchte ich natürlich auch noch ausreichend Texte von Rechler. Die stellte mir Kling zur Verfügung. Auch sie lagen zum Glück überwiegend in digitalisierter Form vor. Die Basis für ein umfassendes und gut fundiertes Gutachten war also gegeben.

Bevor ich die Texte von meinen verschiedenen Analyseprogrammen untersuchen ließ, las ich sie einzeln und mit großer Konzentration. Je mehr ich mich in die Beiträge auf derbaufuchs.de* vertiefte, umso größer wurden meine Zweifel: War ihr Verfasser wirklich ein böswilliger Verleumder?

Dieser Baufuchs listete über viele Zeilen minutiös Mängel auf, die Klings vorherige Firma von Anfang an und ganz bewusst eingeplant hatte – mit dem einen Ziel: möglichst viel Gewinn zu machen.

So befand der Baufuchs:

Der Fehler ist umso seltsamer, als dass es mit logischem Verständnis einfach nicht möglich ist, 240 m² Wohnfläche über 3 Etagen in ein Haus von 9,5 x 8,5 zu drücken.

Da konnte ich ihm nur zustimmen.

Zeile um Zeile, Absatz um Absatz wurde unter genauer Angabe des jeweiligen Bauvorhabens Pfusch in allem nachgewiesen, was am Bau verpfuscht werden konnte.

Dumm nur, dass wir angeblich falsch gestellt haben und ein paar Steine wieder abbauen mussten. Natürlich hatten wir den Fehler gemacht. Daran ist nicht zu rütteln.

In einem Fall hatte ein Keller gegen Sickerwasser isoliert werden müssen:

Gegen nichtdrückendes Wasser wurde auf geriffelte Steine eine Folie nach DIN 18195 ohne Glattstrich des Mauerwerks eingebaut. Falten sind sichtbar.

Der Baufuchs musste mehrfach mit Kling persönlich wegen grober Planungsfehler aneinander geraten sein:

(...) weil das Fenster (bzw. der Rolladen natürlich) zu niedrig ist und ich, wenn ich im OG stehe, direkt in den Rolladen reinsehe. Somit muss das so gebaut werden, wie in unserem Grundriss und den Ansichten gezeichnet – der Rolladen also in den Sturz rein, so dass die Fenster da anfangen wo diese geplant waren. Dafür müssen die Fenster natürlich die entsprechende Grösse haben.

Ich las jeden Text mit wachsendem Interesse – unter anderem weil ich selbst als Bauherr einigen Ärger mit einem Bauunternehmen gehabt hatte. Deshalb fielen mir Passagen wie die folgende besonders auf:

Sobald die Sache vor Gericht geht würde ich natürlich voll durchziehen und den Austausch ALLER Fenster verlangen.

Die Enthüllungen steuerten allesamt auf eines zu, was den Baufuchs ganz offensichtlich am meisten und nachhaltigsten in Wut versetzte:

Kling meinte, dass das natürlich die schlechteste Möglichkeit von allen ist, da dies Jahre dauert und man nie weiss ob die Bauherren jemals Geld sehen würden. Ich meinte daraufhin, dass ich das nicht so kritisch sehe und die Bauherren schon vom Richter Recht bekomme werden. Kling meinte darauf nur, man wisse nie, wie lange man von einer GmbH Geld bekommen kann.

Als ich ihn fragte ob er damit auf eine Insolvenz anspielt sagte er, dass im heutigen Geschäftsalltag alles möglich sei. Was sind denn das für Spielchen ?

Der empörte Baufuchs schloss seine Ausführungen:

Der deutsche Rechtsstaat macht dies recht einfach möglich – einfach eine GmbH in die Insolvenz schicken und eine neue Aufmachen – und das auch noch ganz legal …

Dies machte mir klar, dass es sich bei dem Baufuchs nicht um einen rachsüchtigen Lügner handelte. Im Gegenteil: Er veröffentlichte die Wahrheit über die Vorgehensweise von Kling.

Allerdings tat er dies in einer Weise, die natürlich nicht gutzuheißen war. Er erinnerte mich an Michael Kohlhaas: Dieser startete in der gleichnamigen Novelle von Heinrich von Kleist einen privaten Rachefeldzug aufgrund eines erlittenen Unrechts. Aber Selbstjustiz – so verständlich sie manchmal scheinen mag – ist immer der schlechteste Weg.

Eine Auswertung der umfangreichen Textbestände ergab, dass es sich bei dem Baufuchs nur um den Statiker Herbert M. Rechler handeln konnte. Alle Analyseergebnisse wiesen mit großer Eindeutigkeit darauf hin. Ich stellte mein Gutachten fertig.

Herbert Rechler wurde abgemahnt und musste die Website derbaufuchs.de* aus dem Netz nehmen. Im Herbst 2010 ging Fritz Kling mit seiner Firma ISO-Bau insolvent. Mein noch ausstehendes Resthonorar konnte ich abschreiben. Eine typische Lose-Lose-Situation. Aber aus Niederlagen lernt man am meisten. Seitdem nehme ich keine Aufträge mehr gegen mein Bauchgefühl an.

*Bei der Domain derbaufuchs.de handelt es sich um einen rein fiktiven Namen. Ähnlichkeiten mit tatsächlichen Firmennamen sind rein zufällig und unbeabsichtigt


 

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